Stadler Rail fechtet den Entscheid der SBB an, den Milliardenauftrag für 116 neue Doppelstockzüge an Siemens zu vergeben. Während das Ostschweizer Unternehmen gewichtige Fragen zur Bewertung stellt, verweist die SBB auf einen klaren Vorsprung des siegreichen Angebots und auf erhebliche Kostenunterschiede über die gesamte Lebensdauer.
Rekurs gegen Milliardenauftrag für die Zürcher S Bahn und die Westschweiz
Der Vergabeentscheid der SBB vom 7. November sorgt weiterhin für Diskussionen. Der Zuschlag für 116 neue Doppelstockzüge im Wert von rund 2 Milliarden Franken ging an Siemens. Stadler Rail hat nun offiziell Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht, wie das Unternehmen in einer Mitteilung erklärte. Diese Information geht aus der ausführlichen Meldung der Nachrichtenagentur Keystone-SDA hervor.
Bewertungslogik der SBB gemäss Stadler nicht nachvollziehbar
Stadler begründet den Schritt damit, dass selbst nach einer vertieften Analyse der Unterlagen die Bewertungslogik der SBB nicht nachvollziehbar sei. Das Angebot von Stadler basiere auf einem seit Jahren bewährten Doppelstockzug.
Dennoch habe Siemens in den bewerteten Kriterien wie Betriebskosten, Qualität, Instandhaltung, Nachhaltigkeit und Serviceverträge klar mehr Punkte erhalten. Besonders irritiert zeigt sich Stadler über die Bewertung in der Kategorie Nachhaltigkeit. Dort erzielte Siemens doppelt so viele Punkte, obwohl Stadler den Zug vollständig in der Schweiz produzieren würde mit einer Wertschöpfung von rund 80 Prozent im Inland.
Auch die Frage der Vergleichbarkeit steht für Stadler im Raum. Ein Zug, der erst auf dem Papier existiere, habe offenbar bessere Werte erhalten als ein seit Langem im Einsatz stehendes Produkt mit belastbaren Betriebsdaten. Bereits in einem Debriefing mit der SBB seien diese Punkte aus Sicht des Unternehmens nicht ausreichend geklärt worden.
SBB betont rechtskonformen Prozess und deutliche Bewertung
In einer Stellungnahme nimmt die SBB den Rekurs zur Kenntnis, weist jedoch die Kritik an der Vergabe klar zurück. Die SBB betont, dass das Verfahren streng nach den Vorgaben des öffentlichen Beschaffungsrechts (BöB / VöB) geführt worden sei. Alle Kriterien seien transparent kommuniziert worden und es habe im Vorfeld keine Einsprache gegeben.
Gesamtbewertung mit deutlichem Vorsprung für Siemens
Entscheidend für den Zuschlag an Siemens sei die Gesamtbewertung gewesen. Laut Medienmitteilung der SBB handelte es sich nicht um ein Kopf an Kopf Rennen. Siemens habe in der Summe aller Kriterien einen deutlichen Vorsprung erzielt. Die Bewertung sei von rund hundert Fachspezialistinnen und Fachspezialisten durchgeführt worden und stütze sich auf klar definierte und im Voraus bekannte Anforderungen.
Die von Stadler ins Feld geführte Preisdifferenz von 0,6 Prozent beziehe sich lediglich auf die Investitionskosten. Betrachtet man hingegen den gesamten Lebenszyklus der Züge über 25 Jahre, so betrage der Preisunterschied einen dreistelligen Millionenbetrag.
Siemens habe vor allem im Bereich Betriebsaufwand besser abgeschnitten, also bei Energieverbrauch, Trassenkosten und Instandhaltung. Dies führe zu tieferen Gesamtkosten im bestellten Regionalverkehr.
Zu den technischen Anforderungen hält die SBB fest, dass alle Anbieter weiterentwickelte Standardfahrzeuge mit bewährten Komponenten angeboten und die Vorgaben erfüllt hätten.
Politische Kritik und offene Fragen
Die Vergabe an Siemens führte in der Öffentlichkeit und in der Politik zu deutlicher Kritik. Besonders der Transfer der industriellen Wertschöpfung ins Ausland wurde kritisch beurteilt.
Siemens will die Züge in Krefeld produzieren. Die SBB verweist jedoch darauf, dass das geltende Recht keine Bevorzugung inländischer Anbieter erlaubt. Zudem werde ein Teil der Wertschöpfung auch bei diesem Projekt in der Schweiz anfallen. Dies hielt auch das Schweizer Radio und Fernsehen in einem redaktionellen Beitrag fest, als im gleichen Kontext auch die Meinung der Sozialpartner angefragt wurde.
Stadler betont seinerseits, keinen Heimatschutz zu verlangen und sich stets dem internationalen Wettbewerb zu stellen. Man akzeptiere klare und nachvollziehbare Vergabeentscheide, lege aber in Ausnahmefällen Rekurs ein, wenn zentrale Fragen aus Sicht des Unternehmens offengeblieben seien.
Verzögerungen wahrscheinlich
Wie lange die Beschaffung durch das Rechtsverfahren verzögert wird, kann derzeit nicht abgeschätzt werden. Der ursprüngliche Lieferplan sieht den Einsatz der neuen Züge ab 2031 vor. Fest steht, dass der Rekurs das grösste Rollmaterialprojekt der SBB verlangsamen dürfte.
Faktenbox: Neuer Doppelstockzug von Siemens Mobility für die SBB
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Anzahl bestellter Züge | 116 Fahrzeuge (mit Option auf 84 weitere) |
| Bestellwert | ca. 2 Milliarden Franken |
| Einsatzgebiet | 95 Züge für das Netz der Zürcher S Bahn, 21 Züge für Westschweiz (RER Vaud, Linie Martigny–Annemasse) |
| Länge eines Zuges | rund 150 Meter |
| Sitzplätze pro Zug | rund 540 Sitze |
| Multifunktionszonen / Veloplätze / Stauraum | Mehr Multifunktionszonen, Platz für Velos, Gepäck, Kinderwagen und Stehplätze – insgesamt 8 Zonen |
| Einstiege | Niederflureinstieg an allen Türen, 24 Türen pro Zug (12 pro Seite) |
| Komfort Merkmale | Steckdosen in 1. und 2. Klasse, verstellbare Sitze und klappbare Tische in 1. Klasse, zwei Toiletten (davon eine rollstuhlgängig), mehr Bildschirme und Lichtbänder für Ausstiegshinweise, moderne Sicherheits- und Kommunikationsanlagen (news.sbb.ch) |
| Höchstgeschwindigkeit | 160 km/h (Railvolution) |

0 Kommentare zu “Stadler legt Rekurs gegen Milliardenauftrag für die Beschaffung von 116 SBB-Zügen ein”